Erstes Quartal

Guten Abend liebe Leser,

da nun eine Weile nichts mehr von mir kam, da ich schlicht und einfach keine Themen anzusprechen hatte und auch nichts Großartiges passiert ist. Nun aber zu den ersten drei Monaten hier, ein kleines Feedback sozusagen.

Ich bin am 30. August hier angekommen und verfasse diesen Text nun am 05.12.2015. Diese drei Monate sind in meinen Augen wichtige drei Monate gewesen, da es um das Einleben in das Leben, die Arbeit und die Umgebungen ging. Weiterhin auch, um Selbstständigkeit und Verantwortung aufzuweisen. Das Einleben ist nun vollendet, man kennt uns im Zentrum, weiß über unsere Russischkenntnisse Bescheid und über unsere Position hier. Bei der Arbeit im Office ist viel Selbstständigkeit gefragt, da wir bestimme Ziele bzw. Visionen von André, unserem deutschen Chef, gesagt bekommen und dürfen unsere Ideen und Vorschläge äußern. Gerade sind wir dabei eine Hockeyorganisation für die Ukraine, sprich auf Landesebene, aufzubauen. Da es sowas in der Art noch nicht gibt, müssen wir uns Beispiele in Deutschland suchen und daran festhalten. Es dabei vor allem um strukturelle Dinge, wie auch bei jedem anderen Verein, z.B. wer wählt den Präsidenten und wie viel Macht besitzt er in Entscheidungen bzw. wodurch wird er eingeschränkt. Ihr könnt mir glauben, dass das nicht so einfach zu finden ist, wie es sich anhört! Das war nur eines der Visionen, an den gefeilscht werden soll. Es sind zurzeit mehrere Großprojekte in den Köpfen der Belegschaft.

Zu der Arbeit mit den Kindern muss man sagen, dass diese nun auch verstanden haben, dass wir nicht fließend mit ihnen sprechen können und manchmal etwas Hilfe brauchen. Die Kinder nehmen das gelassen hin und fragen darauf die Mutter, die uns das mit Händen und Füßen erklärt. Es gibt natürlich Kinder mit denen besser und schlechter zurechtkommt, aber alles in Allem ist alles prima! Ich werde auch so gut wie immer zum Essen eingeladen und habe auch schon ein Rezept für die traditionelle Suppe erhalten zum Nachmachen!

Auch Freunde haben sich gefunden mit denen man die ein oder andere Bar abklappert, die ein oder andere Hausparty feiert oder einfach nur abends unterwegs ist und die Stadt besichtigt.

Nun zu einem etwas anderem Thema nämlich die Reaktion auf Deutsche hier. Da die Nazis auch hier ihre Spuren hinterlassen haben, gibt es geteilte Meinungen über Deutsche bzw. Deutschland. Manche sagen, Hitler hätte die Ukrainer von der Sowjetunion gerettet. Andere sagen, dass die Nazis hier ein Massaker angerichtet haben. Es waren um die 4 Millionen zivile Bürger, die starben, darunter 1,5 Millionen jüdische Mitbürger. Auch 2 Millionen Zwangsostarbeiter wurden nach Deutschland verschleppt. Fakten lügen nun mal nicht. Nun aber zu meinen Erfahrungen und Reaktionen. Der Grund für diesen extra Exkurs, ist vor nicht mal einer halben Stunde  passiert. Wir waren im Einkaufsladen und haben uns unterhalten, was wir denn brauchen und wollen. Wir haben bemerkt, dass ein Mann uns aufmerksam zugehört hat, haben es aber nicht weiter beachtet. Als wir aus dem Laden rausgingen, wartete der Mann auf uns und hielt uns an. Er drückte uns darauf hin eine Beilage zum Alkohol trinken in die Hand ( in der Ukraine wird nie ohne eine fettige Beilage getrunken, da diese das zu schnelle Betrunkensein verhindert). Er erzählte uns darauf von seinem Opa, dass er eine Weile in Deutschland gelebt habe und dort die beste Zeit seines Lebens verbracht hat. Außerdem nimmt er die Deutschen als höflich, zuvorkommen und hilfsbereit auf. Auch erzählte uns von deutschen Freunden, die ihm in einer Notsituation aufgeholfen haben.

Das war um ehrlich zu sein, die erste Reaktion solcher Art. Wir waren gerührt und nahmen das Geschenk an und erzählten noch 5 Minuten mit ihm bis wir uns daraufhin verabschiedeten. Normalerweise werden wir nur schief angeschaut oder im Extremfall auch mal angepöbelt. Wir gehen diesen Leuten dann aus dem Weg und ignorieren sie.

Abschließend kann man sagen, dass die ersten drei Monate super verlaufen sind. Russischkenntnisse sind im stetigen Verlauf verbessert worden, die Integration in das Zentrum „Our Kids“ hat super funktioniert und auch die Leute nehmen uns herzlich als Mitglied im Zentrum auf. Ich würde mich freuen, wenn das so bleiben würde! Zurzeit wird es immer kälter. Die Temperaturen sinken hier inzwischen auf -5 Grad in unter einer Woche von +5 Grad. Ich hoffe auf einen langen, kalten Winter mit viel Schnee, da ich ihn in diesem Ausmaß in Deutschland noch nicht erlebt habe!

Das war’s erstmal von mir. Bei Fragen einfach kommentieren oder mich privat unter meiner Emailadresse anschreiben.

Bis dann und eine schöne Adventszeit wünsche ich allen!

Paul

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3 Gedanken zu „Erstes Quartal

  1. Hallo Paul! Schön von dir zu lesen!
    Was die Hockeyvereine betrifft: Unsere Friedensreferentin hat sich kundig gemacht und einen Hockeyverein in Münster aufgetan, mit dem ihr vielleicht Kontakt aufnehmen könntet: Die Email-Adresse ist: skaterhockey@tg-muenster.de. (tg steht für „Turngemeinde“, glaube ich.) Der Ansprechpartner ist Benjamin Kreckel: benjamin.kreckel@web.de. Anfang 2016 wäre er bereit darüber nachzudenken, wie eine Kooperation mit „Our Kids“ aussehen könnte.
    Zu den ZwangsarbeiterInnen, die in der Nazi-Zeit nach Deutschland verschleppt wurden, hat pax christi intensiv gearbeitet. Ich erinnere mich gut an einen Kongress, an dem ich auch mitgewirkt habe, als ich noch im Präsidium von pax christi war. Am Schluss wurde ein Gottesdienst gefeiert, bei dem uns eine alte ukrainische Frau ein Brot als Versöhnungsgeschenk überreichte — das war ein sehr bewegender Moment.
    Gerade war meine Tochter Birgit in Kiew zu einem Theaterfestival. Habt ihr davon etwas mitbekommen? Das ukrainische Theater erfindet sich gerade neu — modern und nationalstolz. Birgit hat auch erzählt, dass es in der Frühstückspause Brot mit Speck, saure Gurken und Wodka gab. Das erinnert mich ein bisschen an eure Begegnung mit dem Mann vor dem Einkaufsladen.
    Wo werdet ihr Weihnachten feiern? Fahrt ihr nach Hause?
    Ich wünsche euch alles Gute, auch für den Winter, und hoffe immer noch auf neue Fotos!
    Herzliche Grüße an Georg
    Veronika

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